Künstliche Intelligenz: Maschinen Bewusstsein

Können Maschinen menschliches Bewusstsein hervorbringen?

von Murat Durmus

Alan Turing würde diese Frage mit einem volltönenden Ja beantworten. John Searle hingegen, ein Philosoph, entschieden Nein schreien. Diese Trennung zwischen Naturwissenschaftlern und Geisteswissenschaftlern ist typisch. Die Gründe dafür sind mannigfaltig.

Ich möchte keinen der oben erwähnten Wissenschaftler zu Wort kommen lassen, sondern finde, dass ein anderer großer Geist äußerst wichtige Gedanken zum Thema “Kann ein Computer menschliches Bewusstsein hervorbringen” hervorgebracht hat.

John von Neumann, ein Bankierssohn aus Budapest, war einer der wenigen echten Genies des 20. Jahrhunderts. Vor seinem frühen Tod im Jahre 1957 durch Knochenkrebs (höchstwahrscheinlich ausgelöst durch Strahlenschäden, die er zu Beginn der fünfziger Jahre bei der Beobachtung der Wasserstoffbombentests auf dem Bikini-Atoll erlitten hatte) hatte er grundlegende Beiträge zur formalen Logik, Quantenmechanik, Meteorologie, Spieltheorie, Ökonomie und Funktionsanalyse geleistet. So bedeutend sein Gesamtwerk auch ist, es besteht heute kaum noch ein Zweifel, dass seine zukunftsträchtigste Leistung sein maßgeblicher Anteil an der Entwicklung des Digitalrechners ist. Aus seiner Arbeit zur Theorie der Berechenbarkeit wuchs sein Interesse für die logische Struktur von Maschinen und er bewies als erster, dass eine sich selbst reproduzierende Maschine möglich ist. In dieser Untersuchung nahm er die späteren Arbeiten von Watson und Crick über die Doppelrolle der Informationen in der zellulären DNA vorweg, indem er nachwies, das Information sowohl in interpretierter als auch in nicht-interpretierter Form verwendet werden muss, wenn Selbstreproduktion in einem biologischen oder sonstigem Organismus stattfinden soll. Trotz seiner klarsichtigen Unterscheidung zwischen der funktionalen Aktivität biologischer Organe und ihrem stofflichen Aufbau neigte von Neumann merkwürdigerweise zu einer gewissen Skepsis hinsichtlich der Möglichkeit, mit einem Computer die Aktivitäten des menschlichen Gehirns zu duplizieren. Vor allem deshalb, weil er nur schwer einzusehen vermochte, wie die physikalische Hardware eines Computers jemals imstande sein würde, die Komplexität des Gehirns nachzubilden.

In seiner letzten veröffentlichten Arbeit, dem unvollständigen Text seiner Silliman-Vorlesungen in Yale, widmete er den größten Teil des Bandes einem detaillierten Vergleich zwischen der Hardware des Gehirns (Neuronen, Axone, Synapsen, usw.) und der Hardware des Computers (Schaltkreise, Rechengeschwindigkeit, Zuverlässigkeit usw.). Besonders viel Mühe verwandte er darauf, die unterschiedlichen Größenordnungen der Informationsverarbeitungskapazität der beiden Systeme darzustellen. Praktisch unerwähnt bleibt indes die Tatsache, dass Computer und Gehirne, ungeachtet ihrer sehr unterschiedlichen physikalischen Beschaffenheit, bei der Informationsverarbeitung genau die gleichen Funktionen erfüllen. Das ist so, als ob jemand eine Standuhr und eine Digitaluhr untersucht und sich wundert, dass die eine aus Holz und Messing und die andere aus Kunststoff und Quarz besteht. Dabei übersieht er aber, dass beide die gleiche Aufgabe haben. Nämlich die Uhrzeit anzuzeigen. Die beiden Objekte unterscheiden sich wesentlich in Form und Konstruktion, doch funktional sind sie nicht unterscheidbar.

Obwohl von Neumann öffentlich nie verkündet hat, dass nach seinem Dafürhalten ein Computer das Gehirn nicht duplizieren könne, lassen seine Schriften den Schluss zu, dass er so dachte und dass der Computer das Gehirn niemals wirklich kopieren könne, weil er eben nicht aus dem richtigen Stoff gemacht sei. Anders gesagt, wenn es um Denken nach Menschenart geht, kommt es auf die Hardware an.

Interessant wäre zu wissen ob von Neumann heute seine Ansicht verteidigen würde, wenn er von den heutigen technischen Möglichkeiten wie Rechengeschwindigkeit, Speicher usw. wüsste. Die Antwort auf diese Frage werden wir wohl nie erfahren.

“Gehen wir nun speziell auf das menschliche Nervensystem ein: dieses ist ein riesiger Mechanismus – mindestens 10 hoch 6 mal größer als irgendein uns vertrautes Gerät – dessen Aktivitäten entsprechend vielfältig und komplex sind. Zu seinen Aufgaben zählen die Deutung von sensorischen Außenreizen und von Berichten über physikalische und chemische Zustände, die Steuerung motorischer Aktivitäten und innerer chemischer Konzentrationsverhältnisse, die Gedächtnisfunktion mit ihren komplizierten Verfahren für die Umwandlung und das Aufsuchen von Information und natürlich die ständige Übermittlung kodierter Befehle und mehr oder weniger quantitativer Daten. Man kann alle dieser Prozesse digital darstellen (d.h. unter Verwendung von Zahlen und ihren Schreibweisen im Binär-, Dezimal- oder irgendeinem anderen System), und die digitalisierte und für gewöhnlich nummerierte Information mit algebraischen (d.h. im Grunde arithmetischen) Methoden verarbeiten. Das ist wahrscheinlich die Art, wie ein menschlicher Konstrukteur gegenwärtig ein derartiges Problem angehen würde. Die bisherigen Befunde, wiewohl dürftig und unzulänglich, weisen eher darauf hin, dass das menschliche Nervensystem nach anderen Prinzipien und Verfahren funktioniert. So scheinen Nachrichten-Impulsfolgen Bedeutung mit Hilfe gewisser analoger Charakteristika (innerhalb der Impuls-Notation – genauer gesagt handelt es sich offenbar um ein gemischtes, teils digitales, teils analoges System) wie zeitliche Impulsdichte in einer Leitung, Korrelation der Impulszeitfolgen zwischen verschiedenen Leitungen eines Bündels, usw… zu übertragen.”

Weiter spricht John von Neumann von der seiner Meinung nach “gemischten Natur lebender Organismen”.

“Das Neuron überträgt einen Impuls… Der Nervenimpuls ist wohl im Großen und Ganzen eine Sache des “Alles-oder-Nichts”, einer Binärzahl vergleichbar. Ein digitales Element ist also offensichtlich im Spiel, aber ebenso offensichtlich ist das nicht die ganze Wahrheit… Es ist allgemein bekannt, dass es im Organismus verschiedene zusammengesetzte Funktionsabfolgen gibt, die viele Schritte vom ersten Stimulus bis zur endgültigen Wirkung durchlaufen – einige dieser Schritte sind neural, d.h. digital, und andere humoral, d.h. analog.”

Wie aus dem obigen Abschnitt ersichtlich ist war es von Neumann mehr als bewusst, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Er spricht von humoralen bzw. analogen Schritten die im Nervensystem stattfinden. Das bedeutet im Grunde, dass man derartige Prozesse nicht in eine mathematische Form gießen kann. Daraus folgt strenggenommen unmittelbar, dass das Bewusstsein eine sich selbst überlassene, nicht kontrollierte bzw. kontrollierbare Komponente enthalten muss.

Dies führt mich unweigerlich zu der Frage: Vielleicht betrachten wir das Ganze aus einem viel zu engen Korsett heraus? Wir müssten vielleicht das Thema viel holistischer angehen. Uns die „alles ist möglich“ Mentalität einimpfen. Themengebiete wie Resonanz, Synchronizität, Unbestimmtheit, Verschränkung, Intuition, Dissipative Strukturen, biochemische Prozesse usw. könnten bei der Entwicklung von Bewusstsein eine weitaus bedeutendere Rolle spielen als wir es vielleicht annehmen. Man könnte die Aufzählung ohne große Mühe noch weiterführen. Ganz zu schweigen von den Gebieten, die wir noch gar nicht „bemerkt“ bzw. entdeckt haben.

Bis wir bzw. ob wir jemals „Denkende Maschinen“ bzw. „Maschinen Bewusstsein“ eines Tages entwickeln werden können steht noch in den Sternen. Es ist uns bis heute nicht klar, was menschliches Bewusstsein ausmacht. Wir wissen einfach noch zu wenig.

Das letzte Wort bleibt Sir Isaac Newton überlassen:

„… aber mir selbst komme ich vor wie ein kleiner Junge, der am Strand spielte und hin und wieder einen glatten Stein oder eine hübschere Muschel entdeckte, während der große Ozean der Wahrheit unentdeckt vor ihm lag.“

Murat Durmus

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